Bonsai und die Baumschule

Irgendwann im Frühjahr 2014 ist auch mein Interesse an Bonsai erwacht, geweckt durch einen Beitrag „Bonsaischule“ in einem Garten-Forum. In diesem Beitrag erschien es so, als wäre es keine besondere Magie, einen Baum als Miniatur in einer Schale aufzuziehen.

Das Thema Bonsai hat sich jedoch für mich in der Folge als ein kompliziertes erwiesen.

Zum einen ist da der Punkt „Baumquälerei“ – es ist meiner Meinung nach definitiv unnatürlich, einen Baum per Schnitt- und Gestaltungsmaßnahmen auf Miniaturformat zu reduzieren. Ich habe mich immer noch nicht ganz entschieden, wie ich mich zu dem Punkt stellen will. Auf der einen Seite pflanzen wir vieles nur, um es später zu verspeisen. D.h. so besonders viel Mitleid scheint uns im allgemeinen mit Pflanzen nicht angebracht. Andererseits ist Nahrung etwas, was wir zum Leben benötigen, und einen Bonsai benötigen wir zum überleben nicht. D.h. ich denke man darf an den Umgang mit Zierpflanzen höhere moralische Maßstäbe anlegen, weil sie nicht für unser Überleben notwendig sind, und wir deshalb mehr Rücksicht nehmen können, als es uns mit Pflanzen als Nahrung möglich ist.

Ein gewisses Unbehagen war also präsent, und als ich später lernte, dass Bonsaianer durchaus Teile des Baumes töten um totes Holz zur Schau zu stellen, hat sich der Zweifel weiter verstärkt. Gerade die absichtliche Verbindung toter mit lebenden Teilen eines Lebewesens erscheint mir irgendwie abartig. Als Gärtner bin ich es gewohnt, abgestorbene Pflanzenteile schnell zu entfernen, bzw. dafür zu sorgen, dass erst gar keine Teile der Pflanzen absterben.

Auch manche Gestaltungsformen wie „Die Wurzeln umklammern den Stein“ erscheinen mir in der Darstellung oft Qualvoll, aber ich bin mir bewusst, dass das eine Interpretation ist, und ich nicht sicher wissen kann, wie es der Pflanze tatsächlich geht. Auf jeden Fall brimngt man die Pflanze hier absichtlich in eine gewisse Zwangslage, denn sie muss längere und längere Wurzeln bilden, um den Boden zu erreichen, der vom Gärtner während der Gestaltung langsam abgetragen wird – gerade um das Wurzelwachtsum in dieser Art zu erzwingen.

Im Frühsommer überwog für mich jedoch die Faszination über die Ästhetik der kleinen Bäume, zumindest galt das für viele, die ich bis dahin gesehen hatte. Ich wollte das auch versuchen, und begann im Garten nach wild aufgegangen Bäumen zu suchen, und wurde auch fündig. Zuerst eine Eiche, wenig später eine Ulme, und später dann noch einige Birken und Ahorne.

Allerdings war dann die erste Berührung mit Bonsaianern recht ernüchternd – ich wurde mit meiner Sammlung schlicht ausgelacht, obwohl in fast jeder Bonsai-Anleitung die „Anzucht aus Samen“ als Möglichkeit beschreiben ist. Was nicht gesagt wird ist, dass man solche Bäume nicht zeigen sollte, und schon gar nicht um Rat fragen sollte, bis sie einige Jahre älter sind, besser sogar, einige viele Jahre älter sind. Ansonsten wird man schlicht ausgelacht und verspottet.

Ein weiteres Mißverständnis war, dass Bonsai auf Fotos häufig in Innenräumen gezeigt werden, aber mehrheitlich Freilandpflanzen sind. Nur wenige Gehölze sind für die Zimmerhaltung geeignet, und noch weniger davon für eine ganzjährige Haltung hinter Fensterglas, wie ich lernen musste.

Aber ich wollte mich von dem ersten Frust nicht entmutigen lassen und habe eine Baumschule angelegt, um die gesammelten Baumsämlinge aufzuziehen.

Beet für Baumschule
Beet für Baumschule

Ich beschloss die Bäumchen in Töpfe zu setzen, die zum einen als Wurzelsperre dienen sollten, und zugleich eine spätere Neuorganisation des Baumschulbeets vereinfachen sollten.

Baumschule mit Bäumen
Baumschule mit Bäumen

Parallel dazu versuchte ich Stecklinge von Schlehe, Feuerdorn, Kotoneaster und einigen anderen Büschen und Bäumen aufzuziehen, aber bis auf den Feuerdorn wollte keiner der Stecklinge wurzeln. Die Feuerdorn-Stecklinge sind dann später auch in die Baumschule gezogen, zuerst standen sie mehr schattig, bis die neuen Wurzeln stark genug waren, die Stecklinge gut mit Wasser zu versorgen.

Später im Jahr nahm das Unbehagen mit dem Thema Bonsai zu, etwa in dem Maß wie mein Kontakt zu Leuten, die sich mit Bonsai beschäftigen, auch zunahm. Bonsai wird als ein ungeheuer strenges und ernsthaftes Engagement betrachtet. Meine flapsige, „ich probier‘ mal“ Art passt dazu gar nicht. Ebenso wenig passt das Streben nach Perfektion, das in der Bonsai-Szene üblich ist, zu mir.

Ich hatte so ein Problem vor langer Zeit schon mal, aber es hatte lange gedauert bis mir die Gründe dafür klar wurden – bestimmte Hobbies ziehen Leute an, die eine fast zwanghafte Detailverliebtheit haben, und die nicht willens sind, Abstraktionen oder Vereinfachungen zu akzeptieren – nur Gestaltung bis ins allerletzte Detail wird akzeptiert, genauer gesagt, Realismus ist das Ziel, nicht nur irgendeine Form der Gestaltung.

Als Hobby-Künstler sind für mich die Bereiche Abstraktion und Minimalismus durchaus interessante Betätigungsfelder, und auch im Falle von gestalteten Pflanzen möchte ich nicht zum Detail-Zwängler werden, sondern eher meiner bisherigen Linie folgen, mit möglichst minimalem Einsatz ein brauchbares Ergebnis zu erzielen. Mit Betonung auf „minimalem Einsatz“ und „brauchbarem“ Ergebnis, wobei meine Ansprüche an brauchbar gar nicht so besonders hoch sind.

Dazu kommt noch, das ich den „Realismus“ als Ziel für überbewertet halte – die Realität haben wir den ganzen Tag um uns herum, und üblicherwise wird sie als nicht allzu spannend oder ästhetisch betrachtet. D.h. ich bin der meinung, dass Gestaltung sich an anderen Zielen orienteiren sollte – frei nach einem alten Maler der sagte, ein Bild muss besser sein als die Wirklichkeit. Wobei „besser“ viel Interpretationsspielraum lässt, eine möglichst originalgetreue Kopie der Wirklichkeit ist es aber nicht.

Das passt so gar nicht zu den anderen Bonsai-Fans, und so nahm ich nach einigen weiteren fruchtlosen Diskussionen Abschied von der Bonsai Idee und den Leuten darum herum.

Ich werde die allgemeine Idee, Pflanzen zu gestalten, aber nicht aufgeben. Ich habe mehr 20 Jahre lang Obstbäume geschnitten, nur war dort die Gestaltung der Bäume auf den Ertrag  und die Qualität der Früchte ausgerichtet. Warum soll ich jetzt nicht auch einen Baum oder Busch nach ästhetischen Gesichtspunkten gestalten?

Dieser Aspekt ist eher neu für mich, und trotz all dem Frust mit dem Bonsai-Thema immer noch interessant. D.h. sowohl was Zimmerpflanzen angeht, als auch die Gewächse im Garten, werde ich mich in Zukunft mehr mit der ästhetischen Gestaltung beschäftigen. Mit Betonung auf Ästhetik, und nicht auf Philosophie oder gar Perfektion. Als Richtschnur welche Art von Gestaltung ich akzeptieren will, nehme ich mein ganz subjektives Empfinden – alles, was ich denke, dass es der Pflanze schadet, oder Probleme bereitet, werde ich unterlassen. Kein Blattschnitt, kein absichtliches Erzeugen von Totholz, keine Konstruktionen oder Darstellungen die nach qualvollen Posen aussehen. Zumindest ist das meine momentane Ansicht dazu.

Was jetzt aus der Baumschule werden soll, weiss ich nicht so recht, weil viel von der anfänglichen Faszination des Themas verflogen ist. Eine Idee ist es, die Bäume als Kübelpflanzen zu erziehen, größer als Bonsai, aber kleiner als sie von Natur aus werden würden, mit dem Ziel, sie als Dekoration für den Garten verwenden zu können. Aber bis zu einer endgültigen Entscheidung sind noch einige Jahre Zeit.

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Veröffentlicht von

Hajo

There is a saying, that people from my region become wise when reaching the age of fourty. ( http://de.wikipedia.org/wiki/Schwabenalter ) Well, the saying was meant to say we stay a bit dumb before that age, but nevertheless, it seems to be a good age to start a blog and write a bit about my thoughts of past and present times. My interests are fairly wide spread, but mostly revolve about creation - be it photos, graphics, small crafts or rhymes and poetry. Lately social, political and spiritual topics have become of interest for me too. While much of that is related to art, I neither have a artistic education, or any deeper interest in art. Most of my life I've been a technician, with strong bias towards computer related activities. Since a few years I'm trying to change that, but the world is actually turning more and more towards computer technology, so it's kind of strange that I try to find more real life while everything else goes more virtual.

2 Gedanken zu „Bonsai und die Baumschule“

  1. Hallo Edite,

    die Baumschule gibt es noch, wenn auch in etwas reduzierter Form. Von den verschiednene baumsorten werde ich nur je einen behalten, den Bergahorn havbe ich ganz aussortiert, aber den feldahorn behalten.

    Dieses Jahr durften die Bäumchen alle frei wachsen, eventuell kann ich nächstes Jahr bei einigen mit einem Schnitt beginnen.

    Rund um Bäume und Bonsai braucht alles sehr viel Zeit. Eigentlich sollte man mit dem Hobby möglichst früh beginnen, sonst erlebt man die Entwicklung eines Baumes gar nicht mehr – zumindest ist das mein aktueller Eindruck.

    Die eigene Philosophie hat sich aufgeteilt – der eine Weg ist es, die Bäume zu beobachten, und zu shehen wohin sich ein Baum entwickelt, und bei der Gestaltung diese Entwicklung miteinzubeziehen. Also nicht, den Baum in eine Form zu bringen, die mir gefällt, sondern den Baum zwar klein zu halten, aber Stamm und Äste weitgehend so zu lassen, wie der Baum es vorgibt.

    Bei einem Ficus Bejamini habe ich einen radikal anderen Ansatz verfolgt, den Baum in eine künstliche Form zu zwingen. Ziwchendruch war ich jedoch nahe daran den Ficus wegzuwerfen, zum einen, weil er durch meine Gestaltungsversuche einige sichtbare Schäden (Drahtnarben) hat, und zum anderen – das ist jetzt schwer in Worte zu fassen. Ich leide unter chronischem Platzmangel, und eine der Regeln nach denen ich versuche das zu sortieren, qwas ich behalten solte, und was weggeworfen werden sollte lautet, den Gegenstand zu betrachten und sich zu fragen, „Machst Du mich glücklich?“

    Der Ficus Benjamini hat am Anfang diese Frage klar bejaht, jetzt ein Jahr später eher nicht mehr. Ich habe ihn dennoch noch mal behalten, auch wenn es jetzt auf den Winter zu in der Wohnung sehr eng wird.

    Neu dazugekommen ist eine kleinblättrige Ficus-Sorte, die mir sehr geeignet erscheint. Anders als beim Benjamini kann man damit Bäumchen in einer Größe von 20cm gestalten, das kommt mir sehr entgegen. Bei vielen anderen Pflanzen blöeiben die Blätter groß, und der Baum wirken dann erst ab einer gewissen Größe „richtig“. Einen Blattschnitt, wie er in Bonsai-kreisen pblich ist, um kleine Blätzter zu erzwingen, lehne ich ab. das ist ganz eindeutig eine Maßnahme, die der Pflanze schaden zufügt, da können die Bonsaianer noch so sher betonen, wie wohl sich ihre Bäume fühlen – Blattschnitt ist aus Sicht der Pflanze ein Kapitalschaden, der in der Natur dem Kahfraß durch Schädlinge entspricht.

    Zwei Experiment habe ich mit Thymian laufen, einem Halbstrauch, der im unteren Teil ebenfalls verholzt, und in der Natur ca. 15 – 20 cm groß wird. Hier ist die Frage hauptsächlich, ob man den Thymian in der Wohnung am Fenster halten kann – Bonsai im Garten sind ok, aber eigentlich hätte ich sie lieber in der Wohnung, und Suche nach Pflanzen die das tolerieren. Ein Experiment ähnlicher Art läuft mit zwei Fuchsien. Nach dem Winter werde ich schlauer sein, eventuell dauert es sogar mehrere Jahre bis ich sicher bin, ob man diese Pflanzen in der Wohnung halten kann. Die Auswahl an gehölzen, die Wohnungstauglich sind ist recht klein, Ideal ist die Wohnung für keine Pflanze. Den einen fehlen die Jahreszeiten, den anderen das Licht, den dritten ist die Luft zu trocken. Gehölze die mit wenig Licht, trockener Luft und ohne jahreszeiten auskommen gibt es ganz wenige – ich kenne etwa 20 Sorten, in der Theorie, aber viele davon habe ich im Handel noch gar nicht entdeckt.

    Andererseits gibt es Pflanzen wie Zierpaprika, die durchaus ein Bäumchen imitieren können, und Wohnungstauglich sind – ok, ob das wirklich stimmt, muss sich auch erst noch zeigen.

    Eine etwas frustrierende Erkenntnis aus den knapp zwei Jahren Arbeit mit den Bäumchen ist es, dass ich gestalterisch ziemlich untalentiert bin. Daher auch der Ansatz, mich von der Pflanze inspirieren zu lassen, und nur mäßig zu gestalten, ansonsten die Pflanze die Vorgaben mahcen zu lassen. Stamm hat sich geteilt? Ok, wird ein Doppelstamm. Ein Ast an „unpassender“ Stelle? Bleibt, ausser er behindert andere Äste. bei Bonsais werden oft auch Äste gepfropft, d.h. der Gärtner transplantiert einen Ast an die Stelle, wo er dem Gärtner optimal erscheint. Das ist auch etwas, das ich nicht machen möchte. Ich möchte eher der Natur folgen, soweit das möglich ist. Die Pflanze bestimmt wo es hingeht, und alles was ich tue ist, die Größe im Zaum zu halten, und auzulichten, wo sich die Pflanze sonst selbst behindern würde.

    Der älteste meiner Ficus Benjamini zeigt jetzt ein wenig Potential, er entwickelt einen kräftigen Wurzelansatz, der den Baum optisch aufwertet. Das zeigt auch wieder, wie lange es dauert, bis so eine Pflanze eine „Persönlichkeit“ entwickelt. Man muss entwerder schon alte Pflanzen kaufen, oder mit vielen Jahren rechnen, bis sich die Wirkung einstellt.

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